• Claudia Brose

Danke sagen – braucht’s das?



Nachdem er alle Schüler auf ihrem Weg zu ihren Klassen begrüßt hatte, wollte sich der Schuldirektor gerade auf den Weg in sein Schulbüro machen, als Peter Merrett ihn aufhielt und einen Umschlag überreichte mit den Worten „Ich wollte mich bei Ihnen bedanken.“ Überrascht über diese Geste von einem Elternteil, fand er einen Artikel im Umschlag.


Ich habe beobachtet, wie Sie jeden Morgen hier draußen stehen und alle Schüler begrüßen oder ihnen zuwinken. Und dies nicht nur am ersten Tag, seit die Schule nach der Pandemie wieder geöffnet ist, sondern jeden Tag bislang. Das hat sicherlich nicht nur meinem Sohn, sondern allen anderen Kindern und Eltern ein Gefühl von Sicherheit und Wertschätzung gegeben. So erklärte Peter den Artikel, den er über dieses Verhalten schrieb und veröffentlichte und als Kopie dem Schuldirektor überreichte.


Der Direktor schaute verblüfft, in etwa mit dem Gesichtsausdruck, dass das doch normal sei. Ich fand diese kleine, besondere und konsequente Geste so beeindruckend, dass ich Ihnen gerne meine Bewunderung und Wertschätzung zum Ausdruck bringen wollte.


Ist Danke sagen normal?


Aufmerksamkeit geben bedeutet, den anderen zu beachten, ihn wahrzunehmen, Respekt zu zeigen. Ich bin offen und nehme mein Gegenüber, seine Worte und seine Verfassung bewusst wahr.


Ob im Privaten oder im Arbeitsumfeld macht das eine Menge aus.


Und ein einfaches Danke, vielleicht noch etwas ausgeschmückt mit „Danke, das ist eine gute Idee“, „Danke für die Unterlagen“ oder „Danke, dass du daran gedacht hast“ drückt aus, dass wir nicht alles für selbstverständlich nehmen. Wir sind aufmerksam gegenüber der anderen Person, anstatt wie üblich, nur bei uns selbst zu sein, und registrieren, was die Person gerade (für uns) getan hat. Also, einfach mal Danke sagen.


Hört sich wahrscheinlich so an, dass dies normal sein sollte. Aber „Normal“ ist ja heute vieles nicht mehr.


In einer 2018 Studie zu kulturellen Unterschieden im Ausdruck von Dankbarkeit, die in der der Royal Society Open Science veröffentlicht wurde, fand eine Gruppe von Forschern heraus: Wenn jemand eine andere Person um etwas bittet, bedankt sich die fragende Person nur in 5% der Fälle bei der Person, um die sie etwas bittet. „Danke“ zu sagen scheint unterzugehen. Verkommen wir zu einem unhöflichen, rüpelhaften, gleichgültigen Volk?


Oder.....vielleicht brauchen wir das „Danke“ auch gar nicht?


Kürzlich erklärte mir ein Däne in einer Diskussion um kulturelle Unterschiede zu Worten und Vokabular, dass es im Dänischen kein Wort für „Bitte“ gibt. Auf meine Nachfrage, wie man denn höflich um etwas bitten würde, ohne das Wort „bitte“ zu haben gab er andere Umschreibungen an, die ein Anliegen (eine Bitte) höflich und freundlich klingen lassen.

Könnte mit dem Ausdruck für Dankbarkeit vielleicht genauso sein.


Andere Kulturen – andere Formen von Dankbarkeit


In einigen Kulturen existiert das expressive „Danke“ kaum und als „normal“ wird das kooperative Verhalten miteinander anerkannt, ohne ausdrücklich „Danke“ sagen zu müssen. Es besteht ein stillschweigendes gegenseitiges Verständnis für „das Gute“, für Hilfestellungen und Unterstützung, die Mitglieder einer Gesellschaft für den Zusammenhalt als normale Rechten und Pflichten anerkennen.


Auf unser zu Hause und unsere Arbeit bezogen zeigt der öfters fehlende Ausdruck des Dankes aber vielleicht einfach nur, dass wir das kooperative Hin und Her als selbstverständlich nehmen? Ohne uns groß bedanken zu müssen. Und bei der Arbeit zum Beispiel erhalten wir ja schließlich unseren Lohn für unseren Arbeitsbeitrag. Das ist doch quasi das Dankeschön, oder nicht?


Oder auch nicht.


Eine Studie von Deloitte zu Angestellten Anerkennung zeigt, dass 9 von 10 Leuten sich wünschten, öfters ein Dankeschön in ihren täglichen Interaktionen bei der Arbeit zu hören. Auch wenn die meisten Menschen das gar nicht groß an die Glocke gehängt haben wollen. Gerne nur im kleinsten Kreis oder persönlich an sie gerichtet. Und die am meisten geschätzte Art der Anerkennung ist nicht monetär, sondern eher, eine neue Wachstumschance zu erhalten.


Auch in der positiven Psychologieforschung ist Dankbarkeit immer wieder stark mit einem Gefühl von „größerem Glück“ verbunden. Dankbarkeit hilft Menschen, „positive Emotionen zu spüren, gute Erfahrungen zu machen, auf ihre Gesundheit zu achten, mit Unzulänglichkeiten umzugehen und starke Beziehungen aufzubauen.“ Kleine Geste, großer Effekt.


Andere Forschungen konnten nachgewiesen, dass dankbare Menschen mit ihrem Leben zufriedener sind und Beziehungen, im privaten oder im Arbeitsleben, besser pflegen können. Sie leiden weniger unter Depressionen, ein besseres Selbstwertgefühl und einen tieferen Lebenssinn haben.


Das sind nun doch eine ganze Latte an Dingen, die einem das Leben schöner machen. Für etwas Dankbarkeit. Fast wie magic. Also brauchen wir „Danke sagen“ vielleicht doch.





Die Weisheit, Aufmerksamkeit zu schenken


Diese verschiedenen Studien zur Wirkung von Dankbarkeit sind keine großartigen, neuen Erkenntnisse. Wir wissen doch eigentlich, dass Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen eine wertvolle Geste ist. Menschen sind inspiriert und fühlen sich besser, wenn sie für ihre Beiträge anerkannt werden. Es hilft dem körperlichen und mentalen Wohlbefinden. Menschen im Arbeitsumfeld sind gleich viel motivierter, wenn Führungskräfte fähig sind, Dankbarkeit auszudrücken. Untersuchungen zeigen, dass es eine direkte Verbindung zwischen Dankbarkeit und Arbeitszufriedenheit gibt.


Kleine Gesten, große Wirkung


Eine Möglichkeit: Jährlich 7.700 Geburtstagkarten mit der Hand schreiben.


Sheldon Yellen, CEO of Belfor Holdings schreibt jedes Jahr den mittlerweile 7.700 Mitgliedern seines Unternehmens eine Geburtstagskarte. „Karten zu schreiben ist zeitintensiver geworden, aber ich kann ehrlich sagen, dass ich bis heute noch die Geburtstagkarten mit dem gleichen Lächeln und aufrichtigen Hingabe schreibe, wie vor 30 Jahren. Ich glaube an Menschen, die für die gleiche Sache wie ich stehen und kämpfen hier in unserer Firma. Das Mindeste, was ich tun kann, ist, den besonderen Tag ihres Lebens anzuerkennen“, erklärt Sheldon Yellen.


Im täglichen Leben: Nimm das Gute und Schöne im Leben wahr.


Entwickle dadurch eine dankbare Haltung. Nach dem Motto: „Nicht die Glücklichen sind dankbar, es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“ – Francis Bacon, Politiker und Philosoph (1561-1626).


Aufmerksamer leben & arbeiten


Eine Methode, aufmerksamer zu leben und aufmerksamer zu arbeiten ist also: Sag Danke!

So einfach und scheinbar doch so schwer.


Es hat viel was mit Bewusstsein zu tun. Es ist eine Einstellung und eine Haltung im Leben, dem anderen Menschen seine Aufmerksamkeit zu schenken. Damit wirst du dir einer „guten Tat“ der Person bewusst und weißt, sie anzuerkennen und wertzuschätzen. Das nimmt einen Moment Zeit in Anspruch. Aber letztlich wertvoll investierte Zeit, dem anderen zu versichern, dass er/sie geschätzt ist.


Aufmerksam leben und arbeiten ist ein Lebens- und Arbeitsstil.


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Ich hoffe, dieser Artikel hat einige neue Ideen, Impulse, Überlegungen für dich und deine Arbeit & dein Leben ausgelöst. Lass mich wissen, ob es dir gefallen hat, indem du Like klickst. Danke fürs Lesen.


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photo © Hanny Naibaho on Unsplash

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