• Claudia Brose

Lebenskompetenzen in Extremsituationen


photo © John McDermott

Unvorhergesehene Ereignisse, einschneidende Situationen und Krisen passieren. Im täglichen Privat- und Berufsleben, im größeren Rahmen, wie Finanzkrisen, Anschlägen oder Flutkatastrophen oder auf globaler Ebene in einem extremen Ausmaß wie zurzeit mit COVID19.

Wir haben keine Kontrolle über unerwartete und unbekannte Situationen. Wir wissen nicht, wie die Zukunft aussieht. Aber wir können mehr Kontrolle über unsere Einstellungen haben, wie wir die Situation sehen, einordnen und damit umgehen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Widerstandsfähigkeit zu stärken, indem wir lernen, aufmerksamer mit uns selbst, unserem nächsten Umfeld und der Welt im Gesamtzusammenhang zu sein.

Wir leben in Städten, wo alles funktioniert und wir erwarten, dass grundsätzliche Lebens- und Arbeitsformen gleichbleiben. Wir sind generell keinen Gefahrensituationen ausgesetzt, so wie Kriegsreporter, Extremsportler, Feuerwehrmänner, etc., bei denen wir um unser Überleben fürchten müssen und aus denen wir Erfahrungen für zukünftige Situationen sammeln können.

Wenn ein Desaster passiert, gibt es viele Menschen, die sich in ihrer Situation gefangen fühlen, auf Reaktionen von außen warten, die außerhalb ihrer Kontrolle liegen und sie sind unfähig zu handeln oder Entscheidungen zu treffen. Oder sie entscheiden emotional und unüberlegt, anstatt analytisch und praktisch. Das hängt vielfach damit zusammen, wie das Gehirn funktioniert, Informationen verarbeitet und Verhaltensformen trainiert werden.

Abwarten oder Lernen

Jetzt haben wir zwei Reaktionsmöglichkeiten. Wir können warten und hoffen, dass so etwas nie wieder passiert. Oder, wir können die Situation als Erweiterung unseres Erfahrungsschatzes sehen und uns fragen, wenn eine ähnliche Krise nochmal passiert, wie wünsche ich mir dann dazustehen? Zum Beispiel „Ich wünsche mir, dass mein Immunsystem stärker ist“, oder dass „mein Unternehmen flexibler und digitaler ausgerichtet ist“. Mit diesem Bewusstsein können wir dann versuchen, diese Defizitlücke zu schließen.

Was in der momentanen Krisensituation deutlich wird ist, wie schnell wir lebenswichtige Faktoren wie Gesundheit, Selbstwahrnehmung, gesunden Optimismus, Neugier, kritisches Denken und Stressbewältigung vernachlässigen. Wir sind besser für Stress und Krisensituationen vorbereitet, wenn wir diesen Eigenschaften in der Zukunft mehr Aufmerksamkeit schenken.

Lebenskompetenzen

Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es ein Modell für Globale Kompetenz , das sich aus 7 Kernkompetenzen, 3 Management Kompetenzen und 3 Leadership Kompetenzen zusammensetzt. Sie sind ein Bündel verwandter Fähigkeiten, Verpflichtungen und Kenntnisse, die es einer Person oder Organisation ermöglichen, in verschiedenen Lebenssituationen effektiv zu handeln.

Wir können uns die 7 Kernkompetenzen bewusst machen und überlegen, ob wir diese Fähigkeiten besitzen. Sind sie hilfreich in der momentanen Situation oder wäre es hilfreich, wenn wir die eine oder andere Kompetenz nochmal hinterfragen und uns darin verbessern?

  1. Effektive und glaubwürdige Kommunikation – Die Fähigkeit, sich klar auszudrücken, bewusst zuzuhören und Informationen zu teilen.

  2. Selbstwahrnehmung und Selbstregulation – Die Fähigkeit, zu reflektieren, Kritik als Entwicklungsmöglichkeit zu erkennen und kontinuierliches Lernen und Wachsen zu schätzen.

  3. Stressbewältigung – Aktionsorientiert sein, Ursachen und Auswirkungen von Stress im Alltag erkennen und stressreduzierende Verhaltensweisen erlernen.

  4. Vorwärtsbewegen und kreatives Denken – Die Fähigkeit, in einem sich ändernden Umfeld konstruktiv Probleme und Konflikte zu lösen, sich anzupassen und auf Veränderungen positiv reagieren zu können.

  5. Interpersonale Beziehungsfertigkeiten – Die Fähigkeit, Freundschaften zu schließen und aufrechtzuerhalten und effektive Beziehungen zu Kollegen und Teammitgliedern zu entwickeln.

  6. Respekt und Empathie – Die Fähigkeit, sich in andere Personen hineinzuversetzen, konstruktiv mit Menschen aller Hintergründe zusammenzuarbeiten und Unterschiede zu respektieren.

  7. Klare persönliche Ethik und Werte – Die Fähigkeit, konsequent in Übereinstimmung mit seinen persönlichen Werten zu agieren und wertschätzend zu kommunizieren und zu handeln und zu erkennen, wie Gefühle Verhalten beeinflussen.

In der Zukunft werden die Fähigkeiten wichtig, mit Veränderungen umzugehen, neue Dinge zu lernen und in ungewohnten Situationen das geistige Gleichgewicht zu bewahren. So beschreibt es Yuval Noah Harari in seinem Buch 21 Lessons for the 21st century. Es geht in der Zukunft nicht darum, neue Ideen und Produkte zu erfinden, sondern sich immer wieder neu zu erfinden.

Wer ich bin, wird eine dringlichere und kompliziertere Frage sein als je zuvor, schreibt Yuval Noah Harari.


Mentale Modelle

Unser Gehirn spielt uns regelmäßig einen Streich. Wir (als Individuum oder als Gesellschaft) bauen uns mentale Modelle, das heißt, wir erstellen uns ein gedankliches Skript zum Ablauf oder Prozess einer Situation oder durch Bilder und Symbole, die uns schnell helfen, in die richtige Toilette für Männer oder Frauen zu gehen, die Schnürsenkel zu binden oder den Straßenverkehr zu navigieren. Das Phänomen mentaler Modelle wird schon seit langem in der Psychologie untersucht. Sie helfen uns, effizienter bei der Informationsverarbeitung zu sein.

Der Streich kommt ins Spiel, wenn Störungen auftreten und wir oftmals bei unserem mentalen Modell bleiben, obwohl wir die neue, störende Information zwar sehen oder hören, diese aber irgendwie nicht an unser mentales Modell heranlassen. Mit Erstaunen stellen wir dann fest, dass intelligente Menschen manchmal dumme Dinge tun. Warum? Ein Grund ist, wie unser Gehirn neue Informationen verarbeitet. Der Autor und „Überlebens“-Forscher Laurence Gonzales hat hierzu einige interessante Phänomene entdeckt und zusammengestellt.

Wie oft sehen wir eine Gefahr aufkommen, wollen sie aber nicht wahrhaben? Geht schon gut, hat bisher auch doch auch immer geklappt, geht bestimmt gleich vorbei, so schlimm wird’s schon nicht werden – denken wir nicht oft so? Das Skript, wie wir von A nach B mit dem Helikopter fliegen oder endlich unsere Mount Everest Besteigung machen ist doch genau ausgearbeitet, kennen wir, liegt als mental ausgearbeiteter Plan vor. Soweit alles nach Plan geht, ist so eine mentaler Ablaufplan effektiv. Unwetter, unvorhergesehene Ereignisse passen da aber nicht rein.

Unsere mentalen Modelle automatisieren unsere Abläufe, was gut sein kann, um effizienter durch den Tag zu kommen. Aber wenn wir nicht achtgeben, dann vernachlässigen wir hin und wieder neue, andersartige Informationen, die wir nur beiläufig wahrnehmen und nicht bewusst in unser System einspeisen. Und das kann zu Unfällen oder Schäden führen.

Verbrennen wir uns die Finger, ändert sich das mentale Modell, und wir reagieren anders, wenn wir uns das nächste Mal der heißen Herdplatte nähern.

Ein breitgefächerter Erfahrungsschatz und Interessen, die uns mit möglichst vielen unterschiedlichen Szenarien versorgen, die wir auf neue Situationen übertragen können, hilft uns einen guten Schritt weiter im täglichen „Überleben“.

Bigger Picture und breites Interessengebiet

Wenn wir in ungewohnten oder heiklen Situationen nicht weiterwissen oder Fehler machen, dann hängt das oft damit zusammen, dass ein mangelndes Bewusstsein oder Unkenntnis für den größeren Zusammenhang der Situation besteht. Das beruht darauf, dass unser Erfahrungsschatz vielleicht nicht so weitreichend ist oder unsere Interessen nicht breit genug gefächert sind. Es fehlt uns die Neugier, die uns antreibt, verstehen zu wollen, wie das Big Picture aussieht und unsere Welt im größeren Zusammenhang funktioniert.

Als Kinder sind wir super Generalisten, weil wir auf alles neugierig sind. Später im Leben haben wir keine Lust ständig zu lernen und vielfach sind wir so auf unser direktes Umfeld fokussiert, dass wenn etwas Unerwartetes passiert, wir nicht wissen, wie wir darauf reagieren und damit umgehen sollen.

Verschiedenartigkeiten

Menschen, die sich aus Neugier mit vielen unterschiedlichen Themengebieten beschäftigen, sind in der Lage, Ideen und Lösungsansätze auf ein völlig anderes Thema zu übertragen.

Unternehmen, die Verschiedenartigkeiten („diversity“) pflegen und Mitarbeiter und Teammitglieder aus verschiedenen Disziplinen und Industrien, mit unterschiedlichem Ausbildungshintergrund und diversen Kulturen vereinen, kreieren einen immensen Wissenspool, aus dem sie schöpfen können wenn sie Lösungen für Produkte, Dienstleistungen, Strukturen oder Systeme suchen.

Das gilt auch für unerwartete Krisensituationen. Mit einem breiteren Wissensschatz ist es einfacher, die Linse zu wechseln, durch die wir die Welt sehen. Es ermöglicht uns, Informationen aus einem Gebiet auf ein anderes zu übertragen, was hilfreich ist, wenn wir uns mit Schwierigkeiten konfrontiert sehen. Unsere Welt ist so komfortabel geworden und wir sehen viele Dinge des Alltags als selbstverständlich an. Alles funktioniert doch! Unsere Wahrnehmung wird nachlässig, unsere Aufmerksamkeit schwindet, wir handeln automatisch.

Aufmerksam sein, heißt wach sein, interessiert sein, hellhörig sein. Ein Verständnis für die größeren Zusammenhänge und andere Themengebiete aufzubauen, hilft Brücken zu schlagen, wenn die Welt mal aus den Fugen gerät.

Kampfkünste sind Lebenskünste und Überlebenskünste

Dass die fernöstlichen Kampfkünste viele Lehren, Taktiken und Verhaltensformen enthalten, die einige Menschen mittlerweile in ihre physischen, mentalen und unternehmerischen Lebens- und Arbeitskonzepte integrieren, ist bekannt.

Ein Bewusstsein und Interesse für diese Form von Training, das die Verbindung und Koordination von Körper und Geist betont, sind für viele Krisensituationen hilfreich. Unser Umfeld ändert sich permanent und wir brauchen die Fähigkeit, wahrzunehmen was wirklich passiert und um uns entsprechend anzupassen.

Beobachten, mit Klarheit und Ruhe, dann im entscheidenden Moment entschlossen handeln. Dies sind Charakteristika in vielen Kampfkünsten.

Fokus, Kontrolle unserer Reaktionen, Vertrauen und Demut sind wichtige Wert- und Denkansätze, die im Privat- und Berufsleben stärker berücksichtigt werden sollten.

Frauenführung in der Krise

Dies waren auch die Eigenschaften, mit denen in den letzten Wochen die weiblichen Regierungsführungen ihre BürgerInnen durch die Krise leiteten, mit positiven Ergebnissen. Das heisst nicht, dass die Regierungsschefinnen von Norwegen, Dänemark, Finnland, Island, Neuseeland, Deutschland, Taiwan alle den schwarzen Gurt haben oder automatisch die besseren Führungskräfte sind. Es zeigt aber, dass

  • Entschlossenes Vorgehen

  • Transparenz und klare Kommunikation

  • Mitgefühl

  • Vertrauen

  • Eine ruhige Hand und Gelassenheit

Eigenschaften sind, die wir uns aneignen sollten, wenn wir zukünftig sicherer Stress, Unsicherheit und Krisen navigieren wollen. Es sind die Soft-Skills, dessen sich Führungskräfte in Organisationen oft bewusst sind, zu denen aber oft noch nicht offen gestanden wird.

Beobachtungen in Fernost

Otto Scharmer schreibt in einem Artikel dass die Länder Singapur, Hong Kong, Taiwan und Südkorea alle einen nennenswerten Erfolg darin hatten, die Krise zu navigieren ohne dass sie ihren BürgerInnen extreme Kontrollmechanismen aufbürden mussten.

Wie charakterisier er ihr Verhalten?

  • Das Land und seien Bürger wurden langsamer und hielten inne

  • Sie haben ihre Augen geöffnet, um zu beobachten, was genau passiert und sind nicht blindlings losgelaufen

  • Informationen wurden transparent gehandhabt und geteilt

  • Die Bevölkerung bewegte sich gemeinsam in einer mehr achtsamen und absichtlichen Art und Weise und in mit einem kollektiven Bewusstsein.

Hier stehen also wieder Transparenz, Ruhe und Gelassenheit bei gleichzeitiger Entschlossenheit, aufmerksame Wahrnehmung von Umfeld und Zusammenhängen sowie Mitgefühl als wichtige Kompetenzen im Vordergrund.

Lebenskompetenzen in Extremsituationen

Um in der zukünftigen Welt, einer Welt, in der tiefe Unsicherheit normal ist, zu überleben und widerstandsfähiger zu sein, benötigen wir viel geistige Flexibilität und ein starkes emotionales Gleichgewicht.

NEUGIER, BEWUSSTSEIN und AUFMERKSAMKEIT sind die Werkzeuge, die wir brauchen, wenn wir Extremsituationen und unerwartete Schwierigkeiten so gut wie möglich meistern wollen.





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