• Claudia Brose

„Nein“ – für ein entspannteres Leben


© Claudia Brose

Wir wollen Ja sagen und offen sein dafür, wunderbare Dinge in unser Leben zu lassen. Um das zu schaffen, müssen viele lernen, erst mal Nein zu sagen. Nein zu Ablenkungen, die uns wertvolle Zeit stehlen. Zeit, die wir eigentlich anders, produktiver, effizienter, entspannter, erfüllender verbringen könnten. Ob im täglichen Leben oder bei der Arbeit. Wie oft sagen wir Ja, wenn wir gefragt werden, bitte diese zusätzlichen Aufgaben bei der Arbeit zu übernehmen? Oder wenn wir gebeten werden, die Kinder doch noch mal eben von A nach B zu kutschieren oder wenn wir eine Verabredung durchziehen, obwohl wir uns hundeelend fühlen?


Sich den Stress, den das Wort „Ja“ heraufbeschwören kann, bewusst zu machen, seinen Bedürfnissen und Kapazitäten mehr Aufmerksamkeit zu schenken und sich für mehr „Nein“ zu entscheiden ist ein Phänomen, dass mir letzte Woche in vier intensiven Tagen voller Gespräche im Freundes- und Bekanntenkreis aufgefallen ist. Um nicht völlig am Rad zu drehen oder Beziehungen (zu Partner, Kindern, Kollegen oder Freunden) vor die Wand laufen zu lassen, haben sich einige der Freunde und Bekannten seit geraumer Zeit dazu entschlossen, ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse mehr wahrzunehmen und diese nicht mehr beiseite zu schieben. In anderen Worten, Grenzen zu setzen, Nein zu sagen, sich auf das Wichtigste zu fokussieren. Ihren Bedürfnissen Raum zu geben.


Klingt egoistisch? Nein. Klingt vielleicht eher wie: ich habe keine Lust mehr, immer der Aufräumer, Blödmann, Erlediger, immer-für-andere-da-sein Mensch zu sein. Denn das laugt aus, raubt Energie und macht mürbe und unzufrieden. Und in so einem Zustand ist niemand ein guter Problemlöser, Helfer und Unterstützer. Mit dem einhelligen Ergebnis, so erzählten alle, dass sie sich besser fühlen. Zufriedener sind. Mehr im Reinen mit sich selbst sind. Sie fühlen sich weniger gestresst und mehr geschätzt.


Nein zu sagen zu verschiedenen Anforderungen, Bitten und Verhaltensweisen anderer führte dazu, so erzählten Freunde und Bekannte, dass sie sich ihren wichtigsten Aufgaben und Anforderungen mit mehr Energie und „Qualität“ widmen konnten. Wer seine eigenen Energiequellen nährt, der ist auch anderen ein besserer Partner, Tochter/Sohn, Elternteil, Kollege, Angestellter oder Freund.


Es gab verschiedene Geschichten als Beispiele. Eine Bekannte entschloss sich, eine Verabredung abzusagen, weil es ihr nicht gut ging (anraubende Magen-Darm-Grippe lässt grüßen) und sie sich sofort Ruhe gönnen wollte, anstatt den Ausbruch der Grippe heraufzubeschwören. Früher hatte sie Verabredungen eingehalten, wenn sie nicht total krank war, um der anderen Person nicht vor den Kopf zu stoßen. In zwei anderen Geschichten hat eine Freundin sich entschieden, nicht mehr die Bürde auf sich zu nehmen, ständig alleine für die alternde Mutter da zu sein. Sie haben mit einem Nein die Verantwortung an weitere Familienmitglieder abgegeben, auch wenn diese es bislang immer so praktisch fanden, dass sie sich nicht kümmern mussten. Und so gab es einige Beispiele, ob es um zusätzliche Projekte im Beruf ging, zu denen eine Bekannte nur zu leicht Ja sagte, oder in Erwartungshaltungen in einer Partnerschaft, bei denen eine Freundin ihre eigenen Wünsche und Werte unbewusst immer weiter in den Hintergrund stellte.


Es scheint, dass unser Umfeld uns ständig versucht anzuknabbern, aufzufressen mit Aufgaben, Anfragen und Aufhalsungen, zu denen wir viel zu oft Ja sagen, obwohl wir eigentlich Nein meinen. Wir denken Nein, weil die Bitte, die Aufgabe, das Lösen eines Problems eigentlich gar nicht mehr reinpasst in den Tag, oder ins Leben überhaupt. Wir sagen dennoch Ja, um nicht als egoistischer Hilfe-Verweigerer oder als nicht belastbar dazustehen. Dabei führt das Ja öfter zu oberflächlichen oder unachtsamen Ergebnissen. Das ist nichts Neues. Wir wissen das. Dennoch begeben wir uns immer wieder in diese Situation. Weil wir dazu gezwungen sind? Weil wir es so schön finden gelebt zu werden, anstatt zu leben?


Das Leben ist die Summe deiner Entscheidungen.“ (Albert Camus)

Nein zu sagen setzt voraus, dass man sich mit seinen Werten und Prinzipien auseinandersetzt und sich bewusst macht, was einem wichtig ist im Leben. Oft wissen wir das ja „irgendwie“, aber dann doch wieder nicht so genau. Und wenn wir uns angehalten sehen, unsere Werte und was uns wichtig ist mal aufzuschreiben und beim Namen zu nennen....Ups. Moment. Da müssen wir doch erst mal nachdenken.....Kommt das bekannt vor?


Mach es mal. Nicht nur im Kopf überlegen, sondern wirklich notieren:

  • Was ist mir wichtig im Privatleben (5 Punkte) und was ist mir wichtig im Berufsleben (5 Punkte)?

  • Welche Werte habe ich und möchte ich mir als Leitfaden immer bewusst machen?

  • Wie oft am Tag mache ich etwas, dass mir selbst guttut? Eine kleine Entscheidung, die mir aber etwas Luft und Raum gibt?

  • Mach einen kurzen Rückblick des Tages und notiere, wie oft du vorschnell oder unbewusst Ja gesagt hast, obwohl das eigentlich entweder mit schlechtem Beigeschmack passierte oder du später feststellen musstest, dass dir dieses Ja Stress, Zeitmangel oder eine Einschränkung in einer anderen Sache bescherte?


Dieser Artikel ist ein Anstoß, mehr Nein zu sagen!


Denn „wer selbstbestimmt leben und eigenständige Entscheidungen für etwas treffen will, muss sehr oft Nein sagen – hinter jedem Ja stehen viele Neins. Und diese Entschiedenheit kann jeder lernen.“, schreiben Förster und Kreuz in ihrem Buch „Nein – Was vier mutige Buchstaben im Leben bewirken können“. Wer seine eigenen Energiequellen nährt und weiß, was einem guttut und als Richtschnur seine Werte und Prinzipien kennt, der schafft es auch, beherzter Nein zu sagen.

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