• Claudia Brose

Rückzugsorte in Zeiten digitaler Reizüberflutung


Würdest du ins Gefängnis gehen, um den Alltags-Überforderungen zu entfliehen?


Mal eine Nacht im Gefängnis verbringen, um mal richtig auszuschlafen und dem Chaos der Welt zu entfliehen! Das wäre doch was, oder? Und dafür auch noch Geld bezahlen! Klingt verrückt, aber das gibt es.


Wenn es darum geht, klare Gedanken zu fassen, der inneren Unruhe entgegenzuwirken und dem Druck zu entweichen, wirken Rückzugsorte wie eine Auflade Station. Das kann auch schon der Park für einen kurzen Pausenspaziergang sein, eine Meditation oder für mehrere Tage in eine Rückzugs-Location verschwinden. Es kann auch ein Hobby, eine Freizeitbeschäftigung sein. Hier gibt es ein paar interessante Beispiele.


Ruhe finden - im Gefängnis


In Südkorea ziehen sich gestresste Manager, Hochschulabsolventen und Angestellte für ein, zwei Tage in ein fiktives Gefängnis zurück, um dem Druck und Anforderungen der Arbeits- und Alltagswelt zu entfliehen. Es gibt ihnen ein Gefühl der Freiheit und sie haben das Bedürfnis, mit sich alleine sein zu wollen. Die Idee entstand in Südkorea (von einer sehr gestressten Person) und fiel dort auf fruchtbaren Boden, weil das Land sowohl schon in der Schule als auch in der Arbeitswelt extrem fordernd und wettbewerbsintensiv ist. Es herrscht ein sehr hohes Stressniveau und ein permanentes Gefühl von ausgelaugt sein.


Nehmen wir uns in der westlichen Welt nicht oft die fernöstlichen Philosophien zur Hand, wie Mediation, Yoga, die Lehren des Buddhismus, um Selbst-Besinnung, Ausgleich und Fokus zu erlangen? Hier haben wir eine asiatische Nation, die weltweit an dritter Stelle steht bezüglich geleisteter Menge an Arbeitsstunden im Jahr - und die fernöstlichen Philosophien sind verdrängt. Der Ehrgeiz, ständig zu leisten und zu wachsen sind stärker. Das Knast Rückzugsangebot zeigt allerdings, dass das Ende der Fahnenstange „Arbeitswahnsinn“ langsam erreicht ist.


Wo fühlen sich die Südkoreaner freier? Zurück in ihrer überfordernden Arbeitswelt oder im Rückzugsort „Gefängnis“?


Stress, Druck und Anforderungen nehmen zu und wir alle brauchen einen Rückzugsort, um den vielen Ablenkungen zu entfliehen. Hast du einen?


Es gibt natürlich angenehmere Rückzugsorte als die „Einlieferung in eine Zelle“. Zum Beispiel ein Bunker.


Ruhe genießen – im Artilleriebunker


Ein ausgedienter Bunker tief im Felsen des Gotthardmassivs wurde in ein Hotel mit wenigen Zimmern umgewandelt. Zu Aktivzeiten dieser Katakomben war es für die Soldaten wahrscheinlich weniger ein Vergnügen, dort ihre Zeit zu verbringen. Heute bezahlen gestresste, überforderte Menschen für diesen Ort der Ruhe viel Geld. In einer ehemaligen Festung ohne Internet und reduziert auf das Wesentliche, können sie sich für einen Moment von der Welt zurückziehen. Die Wahrnehmung seiner selbst, von Zeit und Raum verändert sich an einem Ort mit dreihundert Meter Felsen über seinem Kopf. Dies ist auch ein Ort, wo sich kleine Gruppen zum Austausch, Retreat oder Seminar treffen. Sogar die High-Tech Industrie bringt ihre Mitarbeiter in diese, oder andere, Rückzugsorte, um Luft zu holen und sich auszutauschen, direkt im Dialog anstatt über digitale Kommunikationskanäle.


Verbinden – mit sich selbst und mit anderen


Das Internet und Informationszeitalter hat uns zwar viele Vorteile gebracht, dabei ist aber auch einiges auf der Strecke geblieben. Menschlicher Kontakt und Austausch oder die Fähigkeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen.

Sich in sein Hobby, eine Sportart, Fotografieren oder Kochen zu vertiefen, ist auch ein Rückzug vom Alltagsdruck. Von athletischen, gesundheitlichen oder künstlerischen Aspekten abgesehen dienen diese Beschäftigungen als Beruhigungsfaktor, um sich für einen Augenblick aus der Welt zurückzuziehen. Und sie bieten die Möglichkeit, anderen zu begegnen, Gemeinschaften zu bilden oder zu finden, sich auszutauschen und neue Inspirationen zu sammeln.


Fotografie als Rückzugsort und Gemeinschaftserlebnis


Die Fotografie bietet eine Kombination aus Selbstbeschäftigung und Wachsen in der Gemeinschaft. Alleine in die Tiefe zu gehen und sich mit Fotomotiven und Ideen auseinanderzusetzen ist gleichzeitig eine Auseinandersetzung mit sich selbst, seinen Einstellungen, Wahrnehmungen und Gedanken.


Photography gives you the opportunity to use your sensibility and everything you are to say something about and be part of the world around you. In this way, you might discover who you are, and with a little luck, you might discover something much larger than yourself.” Peter Lindbergh, bekannter Modefotograf und Regisseur

Gleichzeitig bietet die Fotografie, sich mit gleichgesinnten Fotografie-Begeisterten auszutauschen, voneinander zu lernen neue Inspirationen zu erhalten. Die Gruppe gibt Orientierung, Feedback und Impulse, insbesondere wenn unterschiedliche Hintergründe und Erfahrungen der Beteiligten aufeinandertreffen.


Rückzugsorte sind überall


Wir brauchen nicht bis in die Gefängniszelle oder ins Bunker-Hotel tief im Felsen gehen, um uns ein wenig auf uns selbst zu besinnen, dem Gehirn eine Pause zu gönnen, aufzutanken, und klare Gedanken zu fassen. Ein kurzer Spaziergang, alleine im Auto fahren ohne Musik oder Radio, um die eigenen Gedanken zu hören und zu sortieren kann auch schon hilfreich sein. Eine Runde auf dem Golfplatz, sich die Kamera schnappen und sich das Umfeld bewusst betrachten und Motive finden und festhalten oder ein Wochenende nur seinem Hobby gönnen sind alles einfache Methoden, die schon in den Alltag eingebaut werden können.


Es entstehen nicht umsonst immer mehr Orte oder Werkzeuge für eine Pause aus dem täglichen Chaos, Überforderung und Reizüberflutung. Mach dir die täglichen kleinen Unterbrechungsmöglichkeiten bewusst und bau einfach mal den einen oder anderen Rückzug ein, bevor es wieder zügig weitegeht.

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