• Claudia Brose

Warum Menschlichkeit in Unternehmen eine win-win-win Situation ist



In den letzten fünfzehn Jahren ist die Anzahl psychisch bedingter Krankheitsmeldungen bei der Arbeit besorgniserregend gestiegen. Stress, keinen Bock, Sinnsuche, permanenter Zeitdruck und die blanken Nerven werden dann noch schön ins Wohnzimmer und den Supermarkt getragen. Wenigstens hat das schon mal dazu geführt, dass die seelische Gesundheit der Mitarbeiter als Führungsaufgabe erkannt wurde. Aber hat sich auch die Einstellung der Führungskräfte in Bezug auf sie selber und das Unternehmen und dessen Funktion im Gesamtbild von Unternehmen und Wirtschaft geändert?


In den USA haben 88% der Mitarbeiter nicht das Gefühl, dass sich das Unternehmen um sie kümmert, dass es ihnen ausreichend Aufmerksamkeit schenkt. In Deutschland liegen diese Zahlen um die 50%. 96% der leitenden Führungskräfte (USA) geben an, dass sie sich ausgebrannt fühlen. Was hat das für Auswirkungen auf das Unternehmen? Und in der Folge auch auf das Privatleben?


Menschlichkeit und/oder Produktivität?


Mit mehr Menschlichkeit im Unternehmen, und zwar der Menschen willen humaner werden und nicht der Produktivität zuliebe, würden Mitarbeiter zufriedener und einsatzbereiter arbeiten. Das wirkt sich positiv auf den Umgang mit Kunden aus, was sich positiv auf Unternehmensergebnisse auswirkt. Es wirkt sich auch positiv auf das private Umfeld aus, wenn wir die Arbeit mit einem guten Gefühl verlassen, überträgt sich das auf den Umgang mit unserer Familie und der Gesellschaft um uns herum. Es wäre also eine win-win-win Situation. Eigentlich. Wenn mehr Unternehmen diese Haltung annehmen würden.


Also der Aufruf: Wir brauchen AUFMERKSAME Unternehmen, jetzt und für die Zukunft.


Aufmerksame Unternehmen vs. „klassische“ Business Denkweise


Was fehlt in der „traditionellen“ Business Denkweise, die im Wesentlichen darin besteht, Kunden anzuziehen und Aktionäre zufriedenzustellen? Es fehlt die Aufmerksamkeit für die Menschen, die die Produkte, Services und Werte erstellen! Wer kümmert sich um die Mitarbeiter, die sich um die Kunden oder Patienten kümmern?


Frank Dopheide, Gründer der Purpose Agentur Human Unlimited und ehemaliger Handelsblatt Geschäftsführer schreibt: „Das deutsche Modell der Geschäftsführer und Generalbevollmächtigten ist durch das Modell „Manager“ abgelöst worden. Die Manager haben sich an die gemachten Schreibtische gesetzt, die zuvor die Gründer und Erfinder aufgebaut haben. Den Managern ist dann überhaupt nichts Neues mehr eingefallen. Sie haben vielmehr alles sehr erfolgreich end-optimiert: Prozesse, Strukturen, Börsenkurse, ihr eigenes Gehalt. Und sie hatten einen totalen Fokus auf den Shareholder. Der Shareholder ist aber in einem Unternehmenskomplex der kleinste Teil. Und mit dem maximalen Fokus auf diesen kleinsten Teil haben sie dann alle anderen Stakeholder verloren. Zum größten Teil den Menschen, die eigenen Mitarbeiter.“


Mitarbeiter sind König


Eine wirklich menschliche Organisation ist eine, die sich als erstes um ihre eigenen Leute kümmert und ihnen die volle Aufmerksamkeit schenkt. Und wenn diese sich respektiert, gut aufgehoben, geschätzt und unterstützt fühlen, dann gehen sie mit einer anderen Haltung an ihre Arbeit und geben ihre positive Motivation auch an die Kunden weiter und schenken den Kunden die Aufmerksamkeit, die jeder einzelne Kunde oder Patient erhalten sollte.


Aufmerksam sein bedeutet, den Menschen in seinem Umfeld mehr Aufmerksamkeit schenken, ob in der Familie, im Alltag oder bei der Arbeit. Jemanden seine Aufmerksamkeit zu schenken heißt, den anderen

  • zu respektieren,

  • wertzuschätzen,

  • sich zu kümmern,

  • wirklich zuzuhören.

Den Gesprächspartnern wird das Gefühl gegeben, dass sie wichtig sind. Die verändert die Art des Gesprächs und das gegenseitige Verständnis füreinander. Wenn Führungskräfte den Mitarbeitern zuhören, können sie ihre Stärken und Fähigkeiten feststellen und diese dementsprechend in der Organisation einsetzen. Wirklich zuhören, um neue Ideen und andere Denkansätze zu lernen und zu berücksichtigen, hilft Unternehmen weiter.


Wirkung auf andere


Aufmerksam zu sein bedeutet auch, auf die Auswirkungen zu achten, die wir auf andere haben. Mit diesen Erkenntnissen können Beziehungsprobleme am Arbeitsplatz gelöst werden. Wenn Führungskräften bewusst ist, welchen Einfluss sie auf die Gefühle von Mitarbeitern haben, ob sich diese wertgeschätzt fühlen oder nicht, können sie leichter „richtig“ führen. „Richtig“ im Sinne von wertschätzend, aufmerksam und respektvoll.


Aufmerksame Unternehmen fragen sich, was können wir für unsere Mitarbeiter besser machen? Dadurch verändert sich auch der Umgang mit den Kunden, was wiederum zu mehr Loyalität, Mundpropaganda und noch mehr Kunden führt.


Worum es nicht geht


Vielleicht Ist die Lösung, dass mehr Unternehmen ihre Mitarbeiter und Führungskräfte in Achtsamkeit schulen? Sicher kein schlechter Ansatz. Das hilft, Stress zu reduzieren, die Konzentrationsfähigkeit zu steigern und Emotionen zu kontrollieren. Und wenn alle wieder etwas entspannter sind, kann man auch wieder mehr arbeiten, die Produktivität steigern und kreativen Einsatz erwarten. Das ist wie ein Pflaster auf die Wunde der kaputten und ausgebrannten Unternehmens-Menschen zu kleben aber nicht auf die Ursache einzugehen.


Es geht nicht darum, die Mitarbeiter als „menschliche Ressourcen“, als Bestandteile einer Organisation zu betrachten, wie andere Input-Ressourcen (Kapital, Maschinen, Material). Und wenn die Ressource Mensch schlapp macht, wird versucht, diese zu verarzten, so dass sie besser mit Stress, Druck und dem immer rasanter werdenden Arbeitstakt zurechtkommt.


Alte Modelle auf den Kopf stellen


Die Wirtschaft steht an einem Punkt, an dem sichtbar wird, dass immer neue und höher gesteckte Ziele nicht dazu führen, dass Unternehmen besser laufen. Viele stellen den Zwang zu Hektik im Joballtag infrage und ein diffuses Unbehagen macht sich breit. Wir lesen über Sinnkrisen und das Bedürfnis nach einer anderen Form des Wirtschaftens. Es gibt einige neue Bewegungen in der Unternehmenswelt, die dem realen Menschenbild gerechter werden.


Der Mensch muss im Zentrum des Geschehens der Wirtschaftswissenschaften rücken. Zwischenmenschliche Beziehungen wurden bislang von den Wirtschaftswissenschaften ignoriert. Dabei ist jede wirtschaftliche Handlung eigentlich eine Antwort auf eine menschliche Beziehung“, beschreibt Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft.


Priorität Sinnfindung – Profit folgt


Was wir brauchen, ist bewusste Führung - denn eine Unternehmensführung, die nicht einen Zweck erfüllt, der über dem des Profitdenkens liegt, ist weder eine effektive Führung noch ist sie besonders profitabel. Führungskräfte haben gut vierzig Stunden die Woche die Zeit, die Arbeitswelt durch aufmerksames Leadership zu verändern.


Das Verständnis für eine aufmerksame Unternehmenskultur wird bei einigen auf Skepsis stoßen, wenn normalerweise das Denkmuster auf Profit und Konkurrenz ausgerichtet ist und Motivation oft mit Kampf um Status verbunden ist.


Was verändert sich....


Wir haben keinen Mangel an Informationen, aber einen Mangel an Menschen, die sich die Zeit und Muße nehmen, zu reflektieren und aus den Informationen Erkenntnisse zu gewinnen und in die Tiefe zu gehen. Über sich selbst oder die Welt und die größeren Zusammenhänge. Mit Verstand arbeiten, verstehen, und Sinn entwickeln.


Anstatt sich ablenken zu lassen, sollte unsere Aufmerksamkeit auf Erkenntnisgewinnung und Einsichten gerichtet werden. Dafür sind alle Beteiligten gefragt, das Unternehmen an sich, Leadership und die Menschen, die in Organisationen arbeiten. Der Mensch rückt in den Mittelpunkt. Der Mensch und seine Fähigkeit,

  • aufmerksam zu sein,

  • zu reflektieren,

  • langfristig zu denken

  • und zu kollaborieren.


Von den Mitarbeitern erfordert das ein hohes Maß an

  • Selbstorganisation

  • sowie die Fähigkeit zur Kooperation mit anderen

  • und anderen Sichtweisen.

Von den Führungskräften erfordert dies

  • Vertrauen in ihre Mitarbeiter und ihre Fähigkeiten,

  • sowie Transparenz

  • und offene Kommunikation zu fördern.

Es braucht Persönlichkeiten, „die Menschen verstehen, die Menschenkenntnis haben und die sich empathisch einfühlen können, ohne an Durchsetzungskraft zu verlieren“, so Frank Dopheide.


Was brauchen wir dafür?


Wir brauchen: Mehr Menschlichkeit in Unternehmen und Arbeitsleben. Mehr Liebe. Im Zusammenhang mit Business und Geschäftswelt will aber keiner den Begriff Liebe benutzen. Ich auch nicht. Finde ich seltsam.


Liebe


Der Co-Founder der Whole Foods Company, John Mackey, drückt es so aus: “Menschen reden nicht über Liebe im Geschäft. Alle Metaphern, die wir in der Wirtschaft verwenden, sind Kriegsmetaphern, darwinistische Metaphern für das Überleben der Stärksten und Sportmetaphern für Gewinnen und Verlieren. Liebe wird als Schwäche angesehen, aber ich denke, Liebe ist im Geschäft so wichtig. Es hält das Team zusammen. Ich habe festgestellt, wenn ich möchte, dass Mitarbeiter lange Zeit für mein Unternehmen arbeiten, dann ist es eben genau das, wonach Mitarbeiter wirklich suchen: „Liebe“ und Fürsorge.“


Aber was ist eigentlich so schlimm oder seltsam am Konzept Liebe im Zusammenhang mit Business?


Liebe bedeutet doch im Grunde eine extreme Version von Wertschätzung. Ist das Unternehmen darauf ausgerichtet, seine Führungsleute, seine Mitarbeiter zu schätzen, sie wahrzunehmen und sich um sie zu kümmern, zündet das eine ganz andere Bereitschaft und Begeisterung im Menschen für sein Arbeitsumfeld. Das überträgt sich weiter auf den Umgang mit den Kunden und Lieferanten und darauf wie wir uns fühlen und verhalten, wenn wir nach Hause gehen und im privaten Umfeld interagieren.


Schließlich verbringen wir den Großteil der Tageszeit bei der Arbeit. Also ist es entscheidend, dass dieser Teil des Tages möglichst positiv erlebt wird. Jeder möchte das Gefühl haben, dass seine Arbeit einen Unterschied macht und anerkannt wird und dass er sich in seinem Arbeitsumfeld befindet, dem er vertrauen kann. Und wenn uns unsere Arbeit erfüllt, tragen wir die positive Stimmung und den Elan weiter in unser Umfeld.


Zwei der tiefsten Bedürfnisse, die ein Menschen hat, sind das Bedürfnis nach Sinn („purpose“) und Liebe. Wenn eine Organisation, dies vermitteln kann, dann setzten sich die Menschen für die Organisation ein. Voraussetzung dafür ist eine Haltung, die von Offenheit, Großzügigkeit, Geduld, Bescheidenheit und Mitgefühl geprägt ist.


Zuhören


Wirklich zuhören können – hört sich einfach an, scheint es aber nicht zu sein. Eigentlich traurig. Dennoch eine „einfache“ Methode mit der man starten kann, bei der Frage, wo fangen wir an, ein Unternehmen aufmerksamer und humaner zu gestalten? Einfaches Zuhören, kann ein Ventil für aufgestaute Frustration sein und der einfachste Weg, um dem Gegenüber Wertschätzung und Anerkennung zu zeigen. Und zuhören heißt, wirklich aufmerksam sein. Es bedeutet „hören“, was der andere sagt und nicht schon seine eigene Antwort und Reaktion im Kopf vorbereiten und nur darauf warten, dass man selbst bald wieder reden kann. Zuhören ist ein Zeichen von Respekt.


Zuhören ist nicht nur eine Grundlage für bessere Führung, sondern für jegliche Beziehung, die wir pflegen. Durch aufmerksames zuhören lassen wir andere Menschen wissen, dass sie wichtig sind. Es befähigt uns auch, das Zwischenmenschliche zu lesen.


Zukunftsunternehmen


Wenn sich Menschen plötzlich gehört und wertgeschätzt fühlen, dann ist das eigentlich das Wichtigste, um gut arbeiten zu können. Ein aufmerksamer Boss kann sehr viel verändern.

Das Ergebnis wären Mitarbeiter, die lange bei einem Unternehmen bleiben und die Fluktuationsrate gering bleibt. Die Mitarbeiter sind glücklicher und es herrscht eine gesunde Arbeitskultur.


Es geht darum, wie wir uns in jedem Moment verhalten. Aufmerksame und wertschätzende Entscheidungen können wir in jedem Augenblick neu treffen.


Wir brauchen AUFMERKSAME Unternehmen, jetzt und für die Zukunft.


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photo © Priscilla Du Preez on Unsplash

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