• Claudia Brose

Was passiert nach der „versäumten“ Zeit?

Gastartikel von Karin Pizzinini


Gastartikel von Karin Pizzinini - April 2020


Eine Pandemie! Alles hätten wir uns denken können: Kriege, Naturkatastrophen, wie jene, die in den letzten Jahren häufiger wurden. Aber bestimmt nicht eine Welt, die durch ein Virus in die Knie gedrückt wird! Seit etwa zwei Monaten sind wir gezwungen, zu Hause zu bleiben. Manche mussten wieder lernen, in einem kleinen Raum auszukommen. Andere leiden unter der Einsamkeit. Alle aber mussten wir an uns selbst arbeiten, um nicht die Ruhe und vor allem die Hoffnung zu verlieren. Die Folgen, die diese Krise auf die globale Wirtschaft haben wird, kann man sich kaum vorstellen. Am Schlimmsten aber hat es jene getroffen, die sich von geliebten Menschen verabschieden mussten. Denn der Tod ist etwas Endgültiges. Bei all den Schwierigkeiten, mit denen die Menschen jetzt und auch in der Zukunft konfrontiert sind, dürfen wir aber nicht vergessen, dass wir nicht im Krieg sind. Wir haben zu essen und ein Dach über dem Kopf.

Eine neue Menschlichkeit entdecken

Was wir wiederentdecken durften, vielleicht sogar durch das Getrenntsein voneinander, ist der Zusammenhalt, die Solidarität, das Bewusstsein, dass wir es nur gemeinsam schaffen können. Vielleicht durften wir eine neue Menschlichkeit entdecken. Viele haben eine große Kreativität gezeigt, haben vielleicht Gaben entdeckt, von denen sie gar nichts wussten. Wir haben auch gelernt, uns sprichwörtlich auf den Kopf zu stellen und die Dinge aus ganz anderen Blickwinkeln anzuschauen. Wir haben erfahren, dass es viele verschiedene Wege gibt, etwas zu tun. Viele haben vielleicht endlich Zeit gefunden auszuruhen, nach Jahren des ständigen Hastens und Eilens. Wenn man an einen gewissen Rhythmus gewohnt ist, ist es bestimmt nicht einfach, plötzlich herunterzuschrauben und gar nichts mehr zu tun. Doch mit der Zeit lernt man, sich zu entspannen.

Langsam kommt der Frühling wieder

Langsam kommt der Frühling, immer mehr Blumen sprießen hervor und geben unserer Welt, die lange grau oder gar schwarz erschien, wieder freudige Buntheit. Allmählich können wir wieder immer mehr Tätigkeiten ausüben, die während der Ausgangssperre untersagt waren. Jede Woche, manchmal sogar von einem Tag zum anderen, kommen wieder einige dazu. Viele davon, die wir vor der Krise gedankenlos und fast automatisch ausgeführt haben, sehen wir jetzt oft als etwas Neues, etwas Außergewöhnliches.

Alle denken wir daran, was wir nach der Wiedereröffnung wieder tun können, auch mit der Sorge, wie es wohl weitergehen wird. Alle reden wir von Arbeit, von Lasten und Kümmernissen, von Freiheiten, von dem, was wieder möglich wird. Doch wie viele von uns haben sich jemals gefragt, was wir nicht mehr tun sollten, was wir weglassen können oder wollen. So frage ich mich: werden alle losrennen, um die „versäumte“ Zeit wieder aufzuholen? Werden wir wohl imstande sein, ein wenig von diesem Langsamsein, das wir Tag für Tag gewonnen haben, zu erhalten, oder werden wir wieder in jene Rennerei zurückfallen, die uns früher oder später zerstören wird?

Krisenzeit hat auch Positives

Vor einigen Tagen war das Donnern zweier Motorräder zu hören, gefahren von Menschen, die ihrer Arbeit nachgingen. An den Lärm dieser Fahrzeuge sind wir gar nicht mehr gewohnt. In den letzten Wochen war es still geworden, kein Verkehr, kein Motorenlärm, nichts. Diese Krisenzeit hat auch Positives. Wir durften die Stille genießen, und auch die Natur ist dabei, sich zu erholen und zu genesen. In den letzten Jahren sind die Stimmen, die uns die Augen öffnen wollten auf die Zerstörung, der wir entgegengehen, immer stärker geworden. Jetzt genießen wir die Stille und die saubere Luft. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass wir durch diese Krise auch etwas gelernt haben. Dass wir durch sie verstanden haben, dass auch die Bergwelt und die schönste Natur nicht immun sind gegen die Verschmutzung und die Zerstörung, dass sie ihre ganze Faszination und Schönheit verlieren, für immer, wenn wir nicht etwas ändern. Nur zwei Motorräder vermochten es, einen riesigen Lärm zu machen. Ich möchte gar nicht daran denken, wenn die Sperre zu Ende ist, wenn im Sommer wieder Kolonnen von Autos und Motorräder über die Straßen flitzen und ihr Lärm von den Bergen widerhallt. Wenn wir zwar wieder überallhin gehen dürfen, aber wegen der Verkehrsstaus nicht können.

Eine gesündere Menschheit

Ich bin der Ansicht, dass diese Krise für uns alle auch eine Chance ist. Jetzt, in diesem Augenblick, haben wir die Möglichkeit, etwas zu ändern, gerade jetzt können wir, alle miteinander, wirklich entscheiden, wohin wir gehen möchten. Die Richtung sollte jene einer gesünderen Umwelt sein, was ja schlussendlich auch eine gesündere Menschheit bedeutet. Wir müssen endlich Grenzen ziehen, um die Wunder dieser Erde zu erhalten. Wir dürfen nicht vergessen, dass wenn wir uns nicht mehr wohlfühlen, wo wir leben, dann könnte es für die Natur vielleicht schon zu spät sein.

- Karin Pizzinini – Wanderführerin in den Dolomiten, Kultur-Journalistin, Fotografin

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