• Claudia Brose

Wie ehrlich, pseudo oder lebensrettend kann Zuhören sein?





Wir müssen besser zuhören! So lautet das Credo. Wirklich?


Zuhören ist wichtig. Oder ist es überbewertet?


Wir wissen, dass Beziehungen leiden können, wenn Partner oder Eltern oder Freunde nicht in der Lage sind, wirklich zuzuhören. Wie sieht es im Arbeitsleben aus? Wird Zuhören dort vielleicht als Machtmittel, Verhandlungstaktik oder pseudo Empathie-Masche eingesetzt?


Unterschiedliche Situationen erlauben und verlangen andere Arten von Zuhören.


Wer ist die andere Person oder Personengruppe und was ist der Zweck oder das Ziel des Zuhörens?


Wie ehrlich, pseudo oder lebensrettend kann Zuhören sein?


Wem hören wir zu und warum?


Bei Menschen, die uns am Herzen liegen, wie Familie, Freunde oder andere für uns wichtigen Personen versuchen wir (idealerweise) wirklich zuzuhören, weil wir verstehen möchten, was sie bewegt, weil wir helfen, beschützen, unterstützen und für sie da sein möchten. Es geht um die andere Person, die uns wichtig im Leben ist und wir treten in dem Moment in den Hintergrund.


Bei Menschen, mit denen wir eine fruchtbare und produktive Beziehung aufbauen möchten, wie Kunden, Mitarbeiter, Kollegen oder Geschäftspartner ist das gegenseitige Zuhören entscheidend, um ein erwünschtes Ergebnis zu erhalten, das idealerweise alle Beteiligten zufrieden stellt.


Als anonymer Zuhörer bei einem Vortrag oder Podiumsdiskussion möchte ich genau zuhören, weil ich mir einen Wert davon verspreche in Form von Informationen, Impulsen und Erkenntnissen.



Was wird denn am anderen Tisch erzählt?


Wie bei vielen Situationen im Leben, ist manchmal das, was man eigentlich nicht machen sollte, spannender, als das, wozu man angehalten wird. Nachbars Kirschen schmecken viel besser, als die eigenen. In den sozialen Medien herumzuscrollen ist so wichtig und zielfördernd.


So ist es auch mit dem Zuhören. Wo wir nicht zuhören sollten, spitzen wir gerne unsere Ohren. Was erzählen die da am Nachbartisch? Anstatt dem Gesprächspartner am eigenen Tisch zuzuhören. Was haben die Kollegen zu tratschen? Anstatt sich auf seine Aufgabe und Deadline zu konzentrieren.


Und am Ende des Tages wundern wir uns, warum wir den Bericht nicht geschafft haben, aber alles über Kollege Meiers Privatleben gehört haben.



Vorteile des selektiven Zuhörens


Die ehemalige Richterin des Obersten Gerichtshofs in den USA, Ruth Bader Ginsburg, war geschätzt und ein Vorbild für viele, auch für ihre Lebensweisheiten, die sie in vielen Büchern teilte.


Einer ihrer beliebtesten Ratschläge: Es kann im Leben und bei der Arbeit manchmal recht hilfreich sein, sich ein bisschen taub zu stellen.


Sie folgte dieser Einstellung in der Ehe und am Gerichtshof. „Wenn ein gedankenloses oder unfreundliches Wort gesprochen wird, ist es am besten, dem keine Beachtung zu schenken. Sich darüber aufzuregen oder davon nerven zu lassen, wird deiner Überzeugungskraft nicht weiterhelfen.“


Wenn jemand etwas sagt, was dir nicht gefällt, unangebracht oder unnötig ist, brauchen wir auch nicht weiter zuhören, denn die bessere Option ist, nicht darauf zu reagieren und mit seinem eigenen Dingen weiterzumachen.


Es lässt sich diskutieren, ob effektive Führungskräfte und Manager nicht wirklich gute Zuhörer sein müssen, sondern eher Experten darin sein sollten, zu erkennen, was wert ist, zuzuhören und wo nicht.



„Fake“ Zuhören, weil’s gut ankommt?


Hören wir wirklich aufmerksam zu oder tun wir nur so, weil es uns empathisch und sympathisch macht?


Oft geben wir vor, dass wir zuhören, bereiten aber schon unsere eigene Antwort vor, oder versuchen die Argumente zu formulieren, die wir dem Erzählenden entgegensetzen wollen. Warum? Weil es gar nicht darum geht, eine Idee oder Lösung zu finden, sondern nur darum, ein Argument zu gewinnen?


Wenn jemand schweigt und damit den Eindruck vermittelt, dass er interessiert zuhört, ist dem wirklich so oder ist das nur eine Taktik?


Hört der Therapeut wirklich zu, weil er dem Patienten helfen möchte (davon sollten wir grundsätzlich erst mal ausgehen) oder ist er mit seinen Gedanken woanders und leiht dem Klienten nur sein Ohr, damit sich dieser, für Geld, alles von der Seele reden kann?



Wie unterscheiden wir einen wirklichen Zuhörer von einem pseudo Zuhörer?


„Wir erleben eine Epidemie des „fake“ Zuhörens“, erklärt Nick Morgan, Sprech Coach und Autor des Buches „Power Cues: The Subtle Science of Leading Groups, Persuading Others, and Maximizing Your Personal Impact“. Kollegen und Chefs nicken und lächeln höflich, als ob sie zuhören würden, was aber gar nicht der Fall ist.


Anzeichen, dass dein Gegenüber nicht wirklich zuhört sind, ein zu starrer Blick auf dich gerichtet („natürlich“ wäre, wenn der Blick hin und wieder wandert, auch beim wirklichen Zuhören), ungeduldig mit den Fingern spielen oder klopfen, sich ständig im Stuhl bewegen und nicht still sitzen, mit dem Körper nach hinten weichen, wenn der Zuhörer die Körpersprache des Sprechenden nicht widerspiegelt.



Zuhören ist Arbeit


Es ist gar nicht so einfach, seine Fähigkeit, richtig zuzuhören, zu verbessern.


Konzentriert nur zuzuhören, um wirklich zu verstehen, was der Gesprächspartner sagt, ist gar nicht so einfach. Zuhören umfasst, sowohl dem anderen seine ganze Aufmerksamkeit zu geben als auch dem Gesprächspartner den Raum zu lassen, sich wirklich ausdrücken zu können.


Da muss man regelrecht an sich arbeiten, um das hinzukriegen. Seine Aufmerksamkeit ganz auf die andere Person zu richten beinhaltet auch, sich darin zu trainieren, den Impuls zu unterdrücken, den anderen unterbrechen zu wollen mit eigenen Vorschlägen, Fragen oder Beiträgen.



Zuhören kann Leben retten


Bei Verhandlungen mit Kidnappern ist Zuhören und entsprechende Fragestellungen eine Taktik, die das Überleben der Geisel retten kann.


Die Verhandlungstechniken bei Geiselsituationen können genauso auf Gesprächsverläufe im Arbeitsleben angewendet werden. Chris Voss, ehemaliger Verhandlungsführer beim FBI für Situationen von internationalen Geiselnahmen schreibt in seinem Buch „Never Split the Difference: Negotiating as if your life depended on it“, dass man dem Gegenüber zuhören muss, indem man, ähnlich wie ein Therapeut, wie ein Resonanzraum fungiert und den üblichen Drang zu unterbrechen, verurteilen oder selber sprechen zu wollen, im Griff hat.


Das ist das erste, was FBI-Geiselnehmer als Gesprächstechnik anwenden, um Vorfälle zu deeskalieren und Leben zu retten.


Den meisten Menschen fällt es sehr schwer, zuzuhören, sie wollen gleich ihren eigenen Senf dazugeben. Um in Verhandlungen zu erreichen, was dir wichtig ist, geht es nicht darum zu zeigen, wie toll, einfühlsam oder stark du bist. Es geht darum, dass die andere Seite sich selbst davon überzeugt, dass die Lösung, die du möchtest, deren eigene Idee ist. Mit Logik oder Stärke kommt man da nicht weiter, sondern mit Fragen, die den Weg frei machen zu den Zielen, die dir vorschweben.


Verhandlungen sind ein Entdeckungsprozess. Decke so viele Informationen wie möglich auf und stell Fragen, die zeigen, wie aufmerksam du bist und mit diesen Erkenntnissen, kannst du die Diskussion nach vorne oder in deine Richtung treiben.



Nachteile eines richtigen Zuhörens


Wirklich zuhören heißt, sich Zeit nehmen zu müssen. Es raubt Zeit und Energie. Dazu muss man bereit sein. Und das ist nicht jeder.


Richtig zuhören, heißt seine ganze Aufmerksamkeit auf den Gesprächspartner zu fokussieren, um alles mitzubekommen, was der andere sagt. Das ist nicht nur anstrengend, du musst dabei auch deinen eigenen, aufpoppenden Gedanken beiseiteschieben.


Wenn uns eine andere Person etwas erzählt, dann werden bei uns Ideen, Erinnerungen, Informationen angeregt. Das ist auf der einen Seite super, denn dafür sollen Gespräche ja da sein, sich gegenseitig zu informieren und inspirieren. Der Nachteil ist, dass wir dann leicht im eigenen Gedankenstrom abschweifen und nicht mehr hören, was der andere sagt.


Anderen wirklich zuzuhören kann auch unangenehm sein, weil wir zu Gedanken und anderen Sichtweisen angestoßen werden können, die uns nicht lieb sind. Unsere eigene Position wird herausgefordert.



Vorteile des Zuhörens für Leadership


Bob Chapman von Barry Wehmiller sieht Zuhören als eine entscheidende Führungsqualität für bessere Abläufe in Organisationen. „Wahres, einfühlsames Zuhören, bei dem man die Worte und Gefühle der anderen Person tatsächlich hört, ist die Art des Zuhörens, die Empathie aufbaut. Und das wiederum ermöglicht uns, Dinge aus der Perspektive anderer zu sehen. Das ist der Schlüssel zu allen sinnvollen Beziehungen, da es zeigt, dass du die Person, der du zuhörst, respektierst und um sie bemüht bist.“


Seinen Mitarbeitern zuzuhören hilft, neue Idee zu generieren, Engagement und Initiative zu fördern. Wenn Kollegen oder Chef dem Mitarbeiter zuhören, stellt sich raus, sind diese entspannter, sich ihrer Stärken und Schwächen mehr bewusst und offener dafür, in einer ich-muss-mich-nicht-verteidigen Haltung zu reflektieren und agieren.


Gary “Vee” rät seinen Zuhörern immer wieder, dass bevor jemand in der Social Media oder Geschäftswelt Content oder Produkte produziert, er zunächst einmal zuhören soll, was Kunden, Fans oder Mitarbeiter zu sagen haben. Erst dann selber reden oder kreieren. „Du lernst viel mehr, wenn du erstmal zuhörst, bevor du redest.“ Gary Vaynerchuk ist Gründer von VaynerX, VaynerMedia, Vortragsredner, New York Times Bestseller Autor und Angel Investor.



Ist zuhören überbewertet?


Letztendlich können wir sicherlich unsere Unterhaltungen mit jedem, dem wir begegnen, nicht nur an unseren Arbeitsplätzen oder zu Hause verbessern, wenn wir jedes Gespräch mit Respekt und Empathie führen. Was bedeutet, dass wir wirklich zuhören.


Die Art und Weise, wie wir Menschen miteinander reden, diskutieren und verhandeln hat teilweise unschöne Formen angenommen. Fragen und Zuhören kann oft weiterführen als ein Feedback nach Checkliste.


Kümmern wir uns eigentlich um anderen Menschen?


Werte, wie Respekt, Mitgefühl und Anstand im zwischenmenschlichen Miteinander sind in unserer 24/7 unter Strom stehenden Kultur des Aufmerksamkeitsdefizits zur Mangelware geworden. Zuhören ist eine Form zu zeigen, dass uns die andere Person nicht egal ist.


Hören wir mal zu, was Kinder, unsere zukünftige Generation, dazu sagt:


„Menschen nutzen nicht ihre Ohren, sondern nur ihren Mund. Manchmal muss man einfach zuhören.“
„Menschen sollten sich mehr kümmern und um andere sorgen, auch wenn sie sie nicht kennen.“

So beschreiben es Kinder in dem Video, wo Kinder zur Zukunft befragt wurden.


Manchmal lohnt es sich, Kindern zuzuhören.



Headerphoto © John McDermott | www.mcdfoto.com

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